Thoughts

Tschö sechstes Semester

“How do you spell love?”
“You don’t spell it – you feel it.” – Pooh

Eine Erzählung von meinem inneren Sklaventreiber und einer Freundin, die diesem die Stirn bot und mich liebevoll durch das Semester begleitete.

Das Brain Fag Syndrome ist eine Krankheit, die in Nigeria entdeckt wurde. Kennzeichen sind Symptome wie Schlafprobleme, mentale Beschwerden, Nackenschmerzen, Konzentration- und Gedächtnisschwierigkeiten. Ursache ist der Druck, dem die jungen Menschen ausgesetzt sind. In Deutschland kommt vielleicht die Diagnose einer Depression dieser Krankheit recht nahe. Mit so etwas scherzt man nicht, aber ich würde sagen: Davon war ich im letzten Quartal betroffen.

Das Semester hatte es in sich. Ich fühlte mich zunehmend hoffnungslos, traurig und verzweifelt – die Arbeit schien kein Ende zu nehmen. Immer wenn ich glaubte in einem Hafen angekommen zu sein, legte das Uni-Arbeits-Schiff wieder ab. Ich stellte fest, dass ich müde und rastlos war und mich mein Leistungsdrang ständig auf Trab hielt. Es war ein Nebel an Aussichtslosigkeit, der mich umgab und ich wollte morgens schon gar nicht mehr aufstehen, weil ich befürchtete, dass es nicht besser werden und der Tag nur dem gestrigen gleichen würde. Irgendwann habe ich aufgehört mir Ziele zu setzen, um weniger enttäuscht ins Bett zu gehen. Abends lag mir mein Herz schwer in der Brust und schlug so laut, dass es mir in den Ohren klopfte. Ich fragte mich, wie man trotz eines so tollen Lebens, so unglücklich sein konnte. Mein Optimismus lief einfach vor mir davon. War ich überhaupt noch die Person, die diesen Blog schrieb?

In meinen dunkelsten Stunden, wenn mein innerer Sklaventreiber mich nach einem Sturz nicht einmal mehr aufstehen ließ, nahm mich eine Freundin an die Hand und versprach mir, dass alles gut werde. Sie versprach mir, dass alles gut werde. Sie versprach mir, dass… Sie versprach mir,… Ohne diesen Worten glauben zu können, setzte ich meine Hoffnung darauf.

Reflektierende Konversationen mit ihr, spontane Kanal-Badeausflüge, Aktivitäten im Park, Spaziergänge, Balkonabende, Bahnfahrten, Fotoaktionen und einfaches Schweigen und Dasein – all das half mir Frieden mit mir selbst zu schließen. Ich lernte, dass die Welt außerhalb meines Schreibtisches auch dann nicht untergeht, wenn ich mir eine Pause gönne. Und dass die Dinge, die ich glaubte, dass andere sie von mir erwarten, nur meinen eigenen Erwartungen entsprechen.

Ich lernte, dass der Globus sich weiterdreht, auch wenn Dinge nicht nach meiner Vorstellung oder Zeitplanung laufen. Dass es in Ordnung ist, Events zu verpassen. Dass ich nicht an mehreren Orten gleichzeitig sein kann – es soll wohl einfach nicht sein. Dass es in irgendeinem Lebensbereich immer Stress geben wird; ich immer jemanden enttäuschen werde, aber dass letztendlich nur zählt, ob es mir gut geht.

Rückblickend habe ich folgendes gelernt:

  1. Arbeit endet nie. Ich musst ihr gemäß meiner Grenzen ein Ende setzen.
  2. Grenzen haben einen Sinn. Sie sollen mich beschützen.
  3. Um langfristig leistungsfähig zu bleiben, muss ich meine Grenzen respektieren.
  4. Entspannung, Spontanität, Genuss, Leichtigkeit, Freude und Spaß sollten im Alltag einen Platz finden.
  5. Ich werde geliebt, unabhängig davon wie viel ich leiste.
  6. Ich kann selbst bestimmen, wie ich leben möchte.

Es ist verwunderlich – all die Jahre habe ich diese nun so seltsam erscheinenden Glaubenssätze nicht hinterfragt und für mein Leben angenommen. Umso dankbarer bin ich nun endlich loslassen und meine neuen Erkenntnisse einüben zu können. Und vor allem bin ich dankbar für eine so wunderbare Freundin, die hinter die Fassade blickt und aufrichtiges Interesse an meinem Ergehen hat. Die ihre Zeit und Gedanken in mich investiert. Anka, ich bin dankbar für deine Ehrlichkeit, Geduld und Weisheit. Und für Steve, meinen Freund. Danke euch für bedingungslose Liebe, die mich befreit leben lässt.

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