Thoughts

Die Melancholie & die Dankbarkeit

Manchmal tut einfach alles weh. Von Kopf bis Fuß und das Herz.

Manchmal quillen die Fragezeichen über,
die Sorgen und Grübeleien stehen bis zum Hals,
mein Spiegelbild sieht gequält aus und ich frage mich;
warum es so schwer ist, sich zu ändern.

Manchmal geht alles in Zeitlupe
und ich frage mich, ob der Mann an der Kasse
eine Analyse von mir durchführt.
Ob er merkt, dass meine Augen nicht leuchten,
meine Schultern hängen,
mein Gang schwer ist,
mein Atem laut
und mein Kopf woanders.

Manchmal.

Und als würde es vom Luftdruck abhängen
oder von der Sternenkonstellation;
von den Angeboten im Supermarkt
oder von sonstigen für mich undurchsichtigen Variablen,
bin ich auf einmal nachdenklich und stelle alles in Frage.

 

“Melancholie ist das Atemholen der Seele”,

schreibt die Chefredakteurin von der Zeitschrift “Psychologie Heute”… Meine Seele scheint in letzter Zeit sehr viel zu atmen.

Wie zum Beispiel heute: Draußen war es schon dunkel. Ich öffnete die Küchentür und sah in die Dunkelheit. Ich wollte gerade zum Lichtschalter greifen, da hielt ich inne, denn sie packte mich wieder. Die Melancholie. Ich tappte quer durch den Raum und ließ mich seufzend auf die Küchenbank vor dem Fenster sinken. Mein Blick reichte in die Dunkelheit. Zunächst in die Leere und dann versuchte ich das Leben der Bewohner im Haus gegenüber zu beobachten. In meinem Kopf rauschte es. Ich lauschte und versank in den vielen leisen Stimmen in mir. Manchmal erscheint das Leben wie eine lange Reise ohne einen greifbaren Ankunftsort, nach dem ich mich aber so sehr sehne.

Ich halte in letzter Zeit immer wieder inne und wundere mich, warum ich nicht glücklich bin, obwohl ich doch alles habe, um glücklich zu sein. Der Grund für meine melancholische Reaktion ist, dass mir meine gesteckten Ziele oft im Weg stehen, das Hier und Jetzt zu genießen. Ich sehe den Weg meist als eine Übergangsituation an und vergesse dabei, dass das ganze Leben nur aus Zügen besteht, die mich von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof bringen, jedoch verbirgt sich hinter keinem dieser Bahnhöfe eine wahre Endstation. Kurz gesagt: Habe ich das eine Ziel erreicht, ruft schon das Nächste.

“Streben”, “Durchhaltevermögen”, “Zielerreichung”, “Erfolg”, … ich liebe diese Wörter und ihre Bedeutung. Ich muss aber aufpassen, dass mir meine hohen Ziele nicht im Weg stehen, das Hier und Jetzt zu genießen, denn vor den Worten “glücklich sein” steht bei mir oft eine Schlange von Aufgaben, die scheinbar abgearbeitet werden müssen, bevor ich den Zustand erreiche. Ich glaube, das ist ein allgemeines Problem von Menschen, die ergebnisorientiert sind, weil sie immerzu den Endzustand vor Augen haben und sich an seiner Erreichung freuen,  was sie zwar hart arbeiten, nicht aber die Arbeit genießen lässt. Was kann man da tun?

 

Auf jeder “How to be happy” – Anleitung steht ganz oben “Live in the moment”

Das klingt nett, ist aber schwer umzusetzen. Ich sitze nämlich immer noch im Zug und würde lieber ankommen, als auf die Ankunft warten. Was hilft also? Dankbarkeit. Dankbarkeit sorgt für deine psychische Anwesenheit in dem Moment. Je nach dem wo du lebst und was gerade deine Lebensumstände sind, gibt es hunderte, tausende oder gar Millionen Gründe für dich dankbar zu sein.

 

Let´s be like Dori

Wenn ich zum zehnten mal in mein Tagebuch schreibe wofür ich dankbar bin, komme ich mir schon manchmal vor wie Dori, die ihr Glück einfach von der einen auf die andere Sekunde vergisst und sich erneut darüber freuen kann. Aber so verkehrt ist das gar nicht. Hat man beispielsweise erst mal einen platten Reifen und steht zwei Tage ohne Fahrrad da; ist die Dankbarkeit über das reparierte Fahrrad für die nächsten neun Tage gesichert. Dann tritt vermutlich wieder eine Gewöhnung ein. Lasst uns öfter dankbar für die alltäglichen, gegebenen, angenehmen Stabilisatoren in unserem Leben sein sowie für Kleinigkeiten. Letztendlich besteht das Leben aus einer Vielzahl an Kleinigkeiten; aus ganz alltäglichen Dingen und wenn wir diese nicht bewusst genießen (aka dankbar hierfür sind), haben wir nichts vom Leben.

Danke, dass du meinen Blog liest. Und ein Hoch auf meinen Freund, mein Fahrrad, meine Wohnung, meine Mitbewohnerin, meine Arbeit, mein Studium, meine Familie und Freunde. Danke für Buchstaben, Lesezeichen, Glühbirnen, Trinkwasser, Kugelschreiber und Labellos, weiße Wolken und Sonnenaufgänge, geputzte Fenster, Staubsauger, Fotos, Tanzen und die Liebe. Für gebrannte Mandeln und Überraschungen, Hundewelpen, Taschentücher, gute Musik, Zahnärzte … Ich glaube ihr habt verstanden, was ich meine :).

 

2 thoughts on “Die Melancholie & die Dankbarkeit

  1. Hey Julia,
    “Manchmal erscheint das Leben wie eine lange Reise ohne einen greifbaren Ankunftsort, nach dem ich mich aber so sehr sehne.”
    Du hast mich mit deinem Satz an ein Video erinnert das mich heute noch sehr beeindruckt und mir damals ordentlich die Sicht geklärt hat.
    https://vimeo.com/176370337
    Vielleicht kann es das wieder tun 😉

    1. Hi Janik,
      danke für´s Teilen. Es passt wirklich sehr gut zu dem Satz. Wenn man immer nur den nächsten Schritt vor Augen hat, lebt man nie in der Gegenwart. Genießt man nie das gerade erreichte. Ein guter Perspektivwechsel; und passend zur Weihnachtszeit, wo man von einer Weihnachtsfeier zur nächsten rennt und hofft an Heilig Abend anzukommen … “We simply cheated ourselves the whole way down the line. The thing was to get to that end. But we missed the point the whole way along. It was a musical thing and you were supposed to sing, or to dance while the music was being played.” Ok Janik, lass uns die Musik ausnutzen und tanzen und befreit leben.
      Danke 🙂
      Julia

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